
Digitale Medien – Risiken erkennen & Jugendliche stärken Wie süchtig macht eigentlich Social Media? Mit dieser Frage befasst sich aktuell...
Wie süchtig macht eigentlich Social Media?
Mit dieser Frage befasst sich aktuell auch die EU-Kommission. Besonders die Plattform TikTok steht hier im Fokus: Ein aktueller Befund kritisiert das „süchtig machende Design“ der App. Gemeint sind unter anderem personalisierte Inhalte, endloses Scrollen und automatisch abspielende Videos. Die möglichen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche würden dabei bislang nicht ausreichend berücksichtigt.
Auch in unserem Arbeitsfeld ist der Umgang mit Social Media allgegenwärtig. Digitale Medien sind längst kein Randphänomen mehr – sie sind Lebensraum. Kinder und Jugendliche wachsen heute in digitalen Umgebungen auf, die Chancen bieten, etwa im Hinblick auf sozialen Anschluss und Teilhabe, zugleich aber auch erhebliche Risiken bergen.
Für uns als Fachkräfte ist es daher essenziell auf diese Risiken vorbereitet und entsprechend geschult zu sein. Eines der gravierendsten Risiken ist die sexuelle Gewalt, die manche junge Menschen – auch im digitalen Raum – erleben müssen. Die Zahlen aus Deutschland verdeutlichen das Ausmaß:
Kinder und Jugendliche insgesamt:
12,7 % der Menschen in Deutschland berichten, sexuelle Gewalt im Kindes- und Jugendalter erlebt zu haben – das entspricht rund 5,7 Millionen Betroffenen.
Mädchen / Frauen (als Kinder und Jugendliche):
20,6 % geben an, im Kindes- oder Jugendalter sexualisierte Gewalt erlebt zu haben.
Bei jungen Frauen zwischen 18 und 29 Jahren liegt der Anteil sogar bei 27,4 %.
Jungen / Männer (als Kinder und Jugendliche):
Etwa 4,8 % berichten von sexualisierter Gewalt in Kindheit oder Jugend.
Diese Zahlen umfassen alle Formen sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter – nicht nur körperliche Übergriffe, sondern auch weitere Missbrauchserfahrungen, die häufig im Dunkelfeld bleiben. Sie machen deutlich: Über sexuelle Gewalt im Internet zu sprechen ist kein optionales Thema, sondern eine fachliche Notwendigkeit.
Vor diesem Hintergrund nahm das Team von Talimo an einer internen Fortbildung zum Thema „Kinderschutz und sexualisierte Gewalt im digitalen Raum“ teil. Die Fortbildung wurde von Justus Möllenberg und Lisa Zierenberg vom Team Klarer Blick – Beratung und Bildung durchgeführt.
Digitale Lebenswirklichkeiten: Alltag im Netz
Digitale Medien durchziehen den gesamten Alltag: Erwachsene verbringen im Schnitt über zehn Stunden täglich vor Bildschirmen, Jugendliche mehrere Stunden allein in sozialen Netzwerken. Fast alle Jugendlichen sind online, viele auf mehreren Plattformen gleichzeitig. Besonders relevant sind soziale Medien, Messenger und Gaming-Plattformen – nicht als Einzelphänomene, sondern als vernetzte Ökosysteme.
Dabei verschieben sich Kommunikationsräume zunehmend von öffentlichen Plattformen in private, ephemere – sprich kurze, vergängliche – Kanäle. Genau diese Dynamik wird von Täter:innen gezielt ausgenutzt.
Zentrale Begriffe & Phänomene sind unter anderem:
Sexting: Der Austausch selbstproduzierter freizügiger Bilder unter Jugendlichen. Häufig begleitet von Druck, Überredung oder Erpressung – insbesondere bei Mädchen.
Catfishing: Das Vortäuschen falscher Identitäten, oft als Vorbereitung für Grooming oder Sextortion.
Cybergrooming: Gezielte Kontaktaufnahme mit Kindern/Jugendlichen zur sexuellen Anbahnung. Ein Viertel der 8–17-Jährigen berichtet von entsprechenden Erfahrungen.
Sextortion: Sexuelle Erpressung mit realem oder behauptetem Bildmaterial. Sie betrifft zunehmend auch sehr junge Kinder und eskaliert oft schnell.
CSAM / CSEM: Darstellungen sexueller Gewalt bzw. Ausbeutung von Kindern – ein Bereich mit stark wachsendem Hell- und Dunkelfeld.
Wichtig ist: Viele dieser Phänomene entstehen nicht durch Leichtsinn, sondern in Kontexten von Vertrauen, Beziehung oder emotionaler Bedürftigkeit.
Plattformen & Gaming als Möglichmacher
Plattformen sind keine neutralen Räume. Bestimmte Designlogiken erhöhen Risiken:
Reichweite & Algorithmen fördern Sichtbarkeit – sowohl für Jugendliche, als auch für Täter:innen.
Anonymität & Vergänglichkeit erzeugen ein trügerisches Sicherheitsgefühl.
Private Gruppen & geschlossene Räume ermöglichen ungestörte Eskalation.
Monetarisierung (virtuelle Währungen, Geschenke) schafft ökonomische Anreize für Ausbeutung.
Besonders relevant sind Cross-Plattform-Strategien: Täter:innen sprechen Kinder öffentlich an (z. B. bei Social Media oder in Games) und verlagern den Kontakt dann in private Messenger, wo Kontrolle und Erpressung beginnen.
Sextortion: Dynamiken und Auswirkungen
Viele Betroffene sind unter 14 Jahre alt. Die Täter:innen agieren oft hartnäckig, mit täglichen oder mehrfach täglichen Drohungen. Ein Großteil der Betroffenen kommt den Forderungen nach – meist folgen weitere Eskalationen.
Typische Folgen:
massive Scham- und Schuldgefühle
Rückzug, Angst, Kontrollverlust
geringe Anzeigebereitschaft trotz hoher Belastung
Wichtig: Blockieren allein reicht nicht – Täter:innen wechseln Accounts und Plattformen.
KI: Schutzinstrument und Risiko zugleich
Künstliche Intelligenz wird im Kinderschutz eingesetzt, etwa zur Erkennung und Entfernung von Missbrauchsdarstellungen oder zur Analyse groomingtypischer Kommunikationsmuster. Gleichzeitig nutzen Täter:innen KI zur Skalierung ihrer Taten:
Deepfake-Nacktbilder realer Kinder
automatisierte, empathisch wirkende Chatverläufe
Umgehung klassischer Erkennungssysteme
KI senkt die Einstiegshürden und „industrialisiert“ digitale sexualisierte Gewalt.
Deep Web, Darknet & Täterorganisationen
Ein großer Teil der Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen findet in abgeschotteten Räumen statt. Besonders im Darknet existieren hoch organisierte, hierarchische Strukturen mit Zugangskontrollen, Reputationssystemen und sozialer Normalisierung extremer Gewalt. Teilweise ist eigenes Material Voraussetzung für den Zugang – ein Mechanismus, der weitere Taten erzwingt.
Bildungsungleichheit als Risikofaktor
Kinder aus bildungsbenachteiligten Kontexten sind besonders vulnerabel:
fehlende Medien- und Sprachkompetenz
wenig geschützte Reflexionsräume
geringe institutionelle Unterstützung
Fehlende Sprache bedeutet fehlende Schutzfähigkeit. Sextortion trifft nicht zufällig dort häufiger auf weniger Widerstand.
Erste Hilfe im digitalen Raum
Zentrale Leitlinien für Fachkräfte und Bezugspersonen:
Prävention heißt nicht nur Warnen, sondern konkrete Handlungssicherheit vermitteln – auch dann, wenn Grenzen bereits überschritten wurden.
Ein besonders sensibler Punkt betrifft den Umgang mit Bild- und Videomaterial. Fachkräfte müssen hier äußerst vorsichtig agieren: Das eigenständige Speichern, Weiterleiten oder Sammeln von Darstellungen sexueller Gewalt an Kindern kann – auch mit pädagogischer oder schützender Absicht – strafbar sein.
Ziel ist daher nicht, Beweismaterial selbst zu sichern oder zu verwahren, sondern Betroffene dabei zu unterstützen, sichere Wege zu gehen. Dazu gehört, Inhalte nicht weiterzuverbreiten, keine eigenen Screenshots anzufertigen und stattdessen auf spezialisierte Meldestellen, Beratungsangebote und – bei entsprechenden Straftaten – auf die zuständigen Strafverfolgungsbehörden zu verweisen.
Handlungssicherheit im Kinderschutz bedeutet auch, die eigene rechtliche Verantwortung zu kennen und sich nicht selbst zu gefährden.
Sexualisierte Gewalt im digitalen Raum ist kein Ausnahmefall, sondern strukturell verankert in digitalen Plattformlogiken, sozialen Ungleichheiten und fehlender Aufklärung. Wirksamer Kinderschutz erfordert ein Zusammendenken von Medienpädagogik, Sexualpädagogik und Kinderschutz – verbindlich, frühzeitig und praxisnah.
Wichtige Anlaufstellen:
https://klarerblick.org/bildung/
Bei erlebter sexueller Gewalt:
https://www.jugendschutz.net/verstoss-melden
https://www.fsm.de/fsm/beschwerdestelle/
https://www.eco.de/themen/politik-recht/eco-beschwerdestelle/beschwerde-einreichen/
Ansprechpartner:innen Hilfeportale- & telefone:
https://www.nummergegenkummer.de/
https://hilfefuerjungs.de/berliner-jungs/
Bundesweite Ansprechpartner:innen Hilfeportale- & telefone:
Kinder-und Jugendtelefon: 116 111 oder 0800/ 1110333
Elterntelefon: 0800/ 1110550 & www.elterntelefon.de
Quellen:
https://www.tagesschau.de/ausland/europa/tiktok-untersuchung-eu-kommission-100.html
https://zartbitter-muenster.de/informationen/sexualisierte-gewalt/fakten?utm_source=chatgpt.com

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